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Forschung & Entwicklung  

Natürliches Musikverständnis



JOURNALIST: Ist es leicht, harmonikale Musik zu machen, könnten jetzt beispielsweise Komponisten disharmonischer Musik – also Mitglieder der Avantgarde – auch so ohne weiteres die Entscheidung fällen, harmonische Musik zu machen?

PETER HÜBNER: Erst einmal lohnt es sich, begrifflich zwischen harmonischer und harmonikaler Musik zu unterscheiden. Was so unter harmonischer Musik läuft – nehmen wir mal die Volksmusik, oder auch die sogenannte Volksmusik, die mehr zum Schlager hin tendiert, aber auch weite Teile des Jazz und der Rockmusik bis hin zur Popmusik und fast die gesamte Tanzmusik – sie alle bedienen sich bestimmter Elemente des Harmonikalen. Deshalb wirkt diese ganze Musik auf den Laien auch in weiten Teilen harmonisch – ist sie auch.

Die Harmoniegesetze des Mikrokosmos der Musik offenbaren uns ein natürliches, ein naturgegebenes Musiksystem und eine Musikordnung, die vollkommen harmonisch ist. Dies betrifft sowohl den Raumaspekt der Tonhöhen, wie auch den Zeitaspekt der Tonrhythmen, aber auch alle anderen weiteren Aspekte musikalischer Parameter wie Einschwingvorgänge und Ausschwingvorgänge, Modulationen, Oberwellenmechanik usw., usw..

Ein gewisser Einblick in diesen Sachverhalt – sei er nun intuitiv oder auch wissenschaftlich objektiv – fordert in Verbindung mit musikalischer Kreativität erst einmal ganz spontan und natürlich das zutage, was man so mit harmonischer Musik bezeichnet.

Bei der sogenannten seichten Unterhaltungsmusik, beim Schlager, bei mancher Rockmusik und bei der zum Schlager tendierenden Volksmusik läßt sich ein geringer natürlicher Einblick in die Harmoniegesetze des Mikrokosmos der Musik nachweisen. Bei der Volksmusik und in weiten Teilen des Jazz ist dieser Einblick in die Harmoniegesetze des Mikrokosmos der Musik größer – meistens natürlich rein intuitiv.

Im Bereich der klassischen Musik ist dieser Einblick am stärksten nachzuweisen, aber hier nur bei den großen klassischen Tonschöpfern und nicht etwa bei den heutigen Interpreten klassischer Musik.

So haben wir heute jenen grotesken Fall, daß die meisten Schöpfer und Produzenten der einfachen Unterhaltungsmusik mehr intuitiven, natürlichen spontanen Einblick in die Harmoniegesetze des Mikrokosmos der Musik haben und nachweisen können als die Interpreten der klassischen Musik. Und deshalb sind sie auch selbst gesünder und mit ihren Leistungen bei der Allgemeinheit erfolgreicher; denn jeder Mensch trägt ja das Harmonikale in sich und sieht deshalb das Nichtharmonikale als ihm selbst wesensfremd an.

Gehen die Unterhaltungsmusiker jetzt her und interpretieren irgendwelche Musik der großen Klassiker, dann sind sie mit diesen Werken beim einfachen Bürger ziemlich wahrscheinlich erfolgreicher als mit ihren eigenen Unterhaltungsmusik-schöpfungen oder auch als die entsprechenden Klassikproduktionen der archetypischen Klassikinterpreten.

Dies liegt daran, daß der Unterhaltungsmusiker im allgemeinen ein Voll-blutmusiker ist und der klassische Musiker ein studierter akademischer Interpret. Die Verkaufszahlen der Musikindustrie belegen die Richtigkeit dieser Überlegung. Und es ist ja nur natürlich und verständlich, daß es sich so verhält.

Aufgrund seines relativen Mißerfolgs beim allgemeinen großen Publikum glaubt der akademisch studierte Interpret klassischer Musik, aber leider auch der übliche Schöpfer avantgardistischer Musik, auf den Schöpfer und Produzenten der leichten Musik, der nicht an einer Hochschule studiert hat, aber beim allgemeinen Publikum wesentlich erfolgreicher ist, herabschauen zu müssen – in einer Art neidvollem Mitleid.

Der Schöpfer und Interpret der einfachen Unterhaltungsmusik aber geht ganz und gar in seiner Liebe zur Musik auf – die er praktisch aus dem Ärmel schüttelt –, und im Glanz seines künstlerischen Erfolges beim Publikum. Und er wendet erst gar nicht seinen Blick zum akademischen Berufsmusiker und Komponisten, denn dort ist weder sein Publikum, noch sieht er dort das, was er selbst in seiner schlichten, natürlichen Art für musikalische Begabung hält.

Er sieht den archetypischen klassischen Musikprofi mehr wie einen Affen, der nach einem harten, jahrelangen Dressurakt Töne von einem Blatt Papier abspielt – wie ein Computer – und sich nur darin sonnt, daß es sich hier um das Werk eines großen klassischen Tonschöpfers handelt, dessen Musikalität aber der schlichte Volksmusiker auch sehr wohl zu schätzen weiß – wahrscheinlich weit mehr als der studierte klassische Profimusiker.

Aber aus dieser Quelle des unverbildeten, schlichten Musikverständnisses nährt sich alles Musik-Leben, auch das deutsche. Und deshalb sitzt auch hier der allgemeine große Erfolg – wenn man einmal von den Vermarktungsmanipu-lationen der großen Schallplattenkonzerne und Konzertgesellschaften absieht.

An der Spitze des Musiklebens steht heute zwar nicht offiziell, aber wenigstens ökonomisch zu Recht, der Schöpfer und der Produzent einer Musik, die sich in schlichter Weise und vor allem selbständig und ganz spontan intuitiv an den Harmoniegesetzen des Mikrokosmos der Musik orientiert. Besser 10% eigene Orientierung und dreist Unterhaltungsmusik, als 0% eigene Orientierung und Klassik – und die fortschreitende Zeit gibt dieser meiner Meinung immer mehr recht.

JOURNALIST: Und wie verhält es sich hier mit der „harmonikalen Musik“?

PETER HÜBNER: Die harmonikale Musik ist die natürliche Erweiterung dieses Systems spontaner Einsicht in die Harmoniegesetze des Mikrokosmos der Musik und der damit verbundenen schöpferischen Tat. Wenn die sogenannte harmonische Musik von einem intuitiven Einblick in die natürlichen Harmonie-gesetze des Mikrokosmos der Musik geprägt ist, dann verlangt die sogenannte harmonikale Musik einen immer bewußteren Einblick in die harmonikalen Verhältnisse des Mikrokosmos der Musik.

Der Weg von der sogenannten harmonischen Musik zur harmonikalen Musik ist also ein Weg weiterer Einsicht in die Harmoniegesetze des Mikrokosmos der Musik, und auf diesem Erkenntnisweg bildet sich dann auch irgendwann beispielsweise die KlassikTschaikowsky – und allen voran übrigens Johann Sebastian Bach.

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